Predigtgottesdienst zur Einführung der Leitsätze am 18.September 2005

Predigt: Pfarrer Markus Joos
 

Liebe Gemeinde!
Sie haben in diesen Tagen von Ihrer Kirchengemeinde Post bekommen – mit den vom Kirchengemeinderat erarbeiteten Leitsätzen für seine Arbeit. Mit den Leitsätzen haben wir versucht, Ziele zu setzen, die unsere Gemeindearbeit prägen sollen.
Auf Ihrem Stuhl haben Sie heute diese Leitsätze gefunden, damit wir Sie miteinander im Gottesdienst bedenken. Und nach dem Gottesdienst wollen wir darüber ins Gespräch kommen.
Sie finden die Leitsätze im Internet unter www.ev-kirche-heimerdingen.de

Bevor wir die einzelnen Leitsätze näher anschauen, will ich uns einen der grundlegenden biblischen Texte lesen, der für das Verständnis von Gemeinde wichtig ist.
Die Gemeinde wird in der Bibel mit vielen Bildern beschrieben: als das Volk Gottes, als die Familie Gottes, als die eine Herde unter dem einen Hirten Christus, die Gemeinde als die Braut Christi. Häufig wird auch das Bild des Körpers verwendet: Christus als das Haupt und viele Glieder, mit ihren je eigenen Gaben und Aufgaben.
Andere Bilder für die Gemeinde nehmen das Bild des Bauwerkes auf. Die Gemeinde ist wie ein Haus. Sie ist Gottes Bau. Gott hat Jesus Christus, den auserwählten Stein, den die früheren Bauleute verworfen haben, als Eckstein seines neuen Hauses gelegt.
Und von ihm heißt es – im 1. Petrusbrief, Kapitel 2 (4-5.9-10):
4 Zu Christus kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.
5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
Und dann:
9 Ihr (aber) seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk seines Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;
10 die ihr einst „nicht ein Volk“ wart, nun aber „Gottes Volk“ seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.

Liebe Gemeinde – das sind wir, wir alle, die wir im Vertrauen auf Jesus Christus leben: herausgerufen und von Gott erwählt, königliche Priester und ein heiliges, das heißt zu Gott gehörendes Volk. Das ist unsere Würde als Glaubende. So sieht uns Gott. Er selbst erwählt sich Menschen als lebendige Steine, rüstet sie zu und fügt sie in seinen Bau, in seine Gemeinde ein. Durch Jesus baut er selbst seine Gemeinde – und bedient sich dabei vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er will es mit uns tun. Gut, wenn viele mit ihren je eigenen Gaben mitmachen. Die einen legen den Grund, die anderen bauen weiter darauf auf. So wird die Gemeinde ein Haus aus lebendigen Steinen und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.
   
So sagt es der Apostel im Epheserbrief (Kapitel 2, 19-22):
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten,
da Jesus Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Wenn das Fundament klar ist, wenn der Grund gelegt ist, der kein anderer als Jesus Christus ist, dann wächst die Gemeinde als Bauwerk des Heiligen Geistes.

So sind wir – so sieht Gott uns Christinnen und Christen.
Das sind wir – so lautet der erste, ganz einfach formulierte Teil der Leitsätze. Unsere Kirchengemeinde ist Teil der weltweiten Gemeinde, gehört aber historisch verortet zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg, und darin zum Kirchenbezirk Ditzingen.


Das sind wir – inhaltlich: Wir gründen uns auf die Botschaft des Alten und Neuen Testamentes und haben das Wort Gottes als die Grundlage unseres Glaubens. Wir bekennen uns zu Jesus Christus und sind auf den Heiligen Geist angewiesen, denn er baut Gemeinde. Leitungsfunktion in der Kirchengemeinde erfolgt durch den Kirchengemeinderat zusammen mit mir als Pfarrer.
Das Leben der Kirchengemeinde – das machen aber die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde aus. Nur so wird es ein lebendiges Haus, nur so wird die Gemeinde erfahrbar für andere. Es braucht die Mitarbeit vieler, die ihre Gaben und ihre Zeit für unsere Gemeinde einsetzen.
Und viele tun es. Das macht die Stärke unserer Gemeinde aus. Über 800 ehrenamtliche Stunden wurden schon bei der Kirchenrenovierung aufgebracht. Und wie viele treffen sich regelmäßig in den Chören, in den Gruppen und Kreisen, wie viele nehmen sich Zeit in den Besuchsdiensten. Und wenn in dieser Woche wieder das Schuljahr begonnen hat: wie viele Gaben werden für die Kinder und Jugendliche Woche für Woche eingesetzt.
Allgemeines Priestertum wird darin verwirklicht, wenn Menschen für andere Menschen etwas tun, für sie eintreten, für sie auch im Gebet vor Gott eintreten.
Vielen Dank – und Gott möge jeden Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin in seiner, in ihrer Aufgabe segnen.
Das sind wir.

 

Und das findet sich bei uns: - so lautet der zweite Teil der Leitsätze.

Im ersten Punkt nehmen wir den Gottesdienst und die Gemeinschaft im Gottesdienst in den Blick. Gemeinschaft erfahren wir in der Versammlung. Darum gehört zum Wesen der Gemeinde die Sammlung und das Miteinander-Zusammentreffen. Jesus Christus ist der gute Hirte, der die Herde sammelt. Wir Menschen sind auf das „Du“, auf den anderen hin angelegt. So lebt der Einzelne aus der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft. Wer sich selbst herauslöst, der gerät in Einsamkeit, ja zerstört sein Leben und stört das Gesamtleben der Gemeinde. Die ersten Christen haben das begriffen, darum lebten sie Gemeinschaft im Miteinander, suchten das Miteinander. In der Apostelgeschichte wird berichtet (Apg 2,42.46):

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet ...

46 Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern.

Das findet sich auch bei uns – dass wir Gottesdienst in verschiedenen Formen feiern, die uns hineinführen in eine Begegnung mit Gott und untereinander. Lebensnahe Predigten und ansprechende Musik vermitteln die Freude an der frohen Botschaft. So haben wir formuliert – und wenn man die ganz unterschiedliche Art der Gottesdienste und Versammlungen in den Blick nimmt, wohl auch zurecht. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, von der klassischen Kirchenmusik bis zum Lobpreis. Diese Vielfalt leben wir in unserer Gemeinde.

Und doch streben wir noch mehr an – schauen sie unter den dritten Abschnitt, auch Punkt 1: Unser Ziel ist es, dass der Gottesdienst wieder verstärkt das Zentrum unseres Gemeindelebens ist und wird. Dort soll es zur Begegnung kommen, zur Begegnung mit Gott und untereinander. Darum hoffe ich auf die Erneuerungsarbeiten in der Kirche – dass über den schönen neuen Gottesdienstraum auch die Herzen aufgehen für den Gottesdienst in unserer Kirche. Dass wir uns dort, möglichst viele, treffen zum gemeinsamen Gottesdienst. Hier hören wir doch das Wort Gottes, hier ist Zeit der Anbetung und Zeit der Stille, hier erfahren wir voneinander.

Dies ist meine und unsere Leitlinie. Gottesdienst soll immer weniger Soloveranstaltung des Pfarrers sein. Darum braucht es zur Gestaltung von lebendigen Gottesdiensten der Mitarbeit anderer, die sich mit ihren Gaben, etwa in Liturgie, Gebet und Musik einbringen. Da sind wir alle miteinander noch nicht am Ziel, da können sich noch viele einbringen – aber das streben wir an.

 

Das findet sich bei uns zum zweiten: Wir leben als Gemeinde nicht für uns allein. Unser Auftrag ist es, dass wir anderen Menschen die gute Nachricht von Jesus Christus bezeugen und sie für den Glauben gewinnen. Darum werden alle Menschen aller Altersgruppen, von Jung bis Alt eingeladen. Ihnen wollen wir das Evangelium, die frohe Botschaft weitersagen, dass sie froh werden in ihren Herzen. Wir tun dies im Gottesdienst, in den Gruppenstunden, bei Projekten wie den Kinderäktschentagen und in vielen persönlichen Begegnungen mit anderen Menschen. Dieses Ziel und dieser Auftrag Jesu lässt uns immer wieder aufbrechen und hingehen zu den Menschen, lässt uns offen sein für sie.

Doch immer wieder brauchen wir einen neuen Anstoß, dass wir nicht träge werden, sondern es zu unserem eigenen machen, was Jesus sagt: Darum gehet hin und machet zu Jüngern. Dies ist uns allen gesagt, liebe Gemeinde. Darum braucht es auch der Mitarbeit möglichst Vieler in der Gemeinde.

So streben wir zum zweiten an, dass weitere Mitarbeitende gewonnen werden, dass die Zusammenarbeit untereinander gestärkt und vertieft wird – auch in der ökumenischen Verbundenheit. Ich denke, da sind wir in den letzten beiden Jahren Schritte miteinander gegangen, die weitergeführt haben. Wir möchten, dass wir in unserer Gemeinde trotz aller Vielfalt eine Einheit sind, bei der viele sich einbringen in das lebendige Haus der Gemeinde.

Gerecht werden wir dem nur – und darum steht es als Aufgabe für die Zukunft an, wenn wir eine familienfreundliche Atmosphäre haben, die auch Kindern und Familien Raum gibt.

Das streben wir an – unter der Mithilfe vieler. „Gaben gibt es viele, Liebe vereint. Liebe schenkt uns Christus – und wir sind eins durch ihn“ – so heißt es in einem Lied. Bevor wir die nächsten beiden Punkte anschauen, wollen wir dieses Lied miteinander singen. (EG268, 1-5)

 

Liebe Gemeinde, die Gemeinde darf sich nicht nur nach innen orientieren, sondern muss nach außen hin offen sein. Darum geht die Sendung der Gemeinde mit Wort und Tat in die Umgebung hinein. Diese diakonische und seelsorgerliche Aufgabe der Gemeinde haben wir im dritten Punkt aufgegriffen. Es findet sich bei uns, dass wir Menschen in allen Lebensphasen, vom Kind über den Jugendlichen, den Erwachsenen bis zu den alten Menschen, achten und wertschätzen. Wir versuchen durch Gebet, Seelsorge und auch durch praktische Hilfe Menschen zu begleiten und zu stärken. Dies ist, was wir untereinander tun sollen, auch immer wieder tun – und doch immer wieder auch an Grenzen stoßen und Fehler machen.

Leider werden Menschen auch in unserer Nachbarschaft übersehen in ihrer Not, werden Menschen vergessen in ihrer Einsamkeit. Doch dies ist unsere Verantwortung in der Familie und in der Nachbarschaft, in und für unsere Stadt und auch im großen Horizont der Welt.

Darin besser zu werden – das streben wir an. Gebet und Seelsorge untereinander sollen noch mehr zu Kennzeichen unserer Gemeinde werden. Ein offenes Ohr, eine hilfreiche Tat, ein ermutigendes Wort, gefaltete Hände für andere – das brauchen wir. Wir brauchen es in der nächsten Umgebung – und gut, wenn wir in Hauskreisen und Teams einen intensives Miteinander leben. Wir brauchen es in der Nachbarschaft, aber auch durch die Unterstützung konkreter missionarischer Projekte und Personen. Dies tun wir durch unser jährliches Missionsprojekt oder durch die Unterstützung von Missionaren wie Wilfried Kappus, von dem ich Sie grüßen soll. Vor einigen Tagen hat er ein Mail geschickt mit Grüße an die ganze Gemeinde.

 

Zum vierten Punkt: Dass sich die Zeiten ändern – und wir für neue Entwicklungen und Anfragen heutiger Zeit offen sein müssen – das findet sich bei uns. Den Weg in die Zukunft aber gehen wir zuversichtlich, weil wir auf Gottes Zusagen vertrauen und im Hören auf ihn leben. Und das streben wir auch an, dass wir die Probleme der Zeit ernst nehmen und uns mit ihnen auseinandersetzen.

In diesem Frühjahr haben wir es mit dem Thema Arbeit bei der Bibelwoche getan. Dieses diakonische Handeln auf gesellschaftlichem Gebiet wollen wir verstärkt tun und das Wirken in die Gesellschaft hinein nicht vergessen oder vernachlässigen.

Drei Punkte in unserer Gemeinde will ich erwähnen: da ist zum einen der Dienst der Besuchsdienste, besonders auch die Besuche bei alten und kranken Menschen. Da ist zum anderen die Verantwortung für die Kinder unseres Stadtteiles im Evangelischen Kindergarten, aber auch bei der Hausaufgabenbetreuung des CVJM an der Grundschule.

Zum dritten die recht deutliche finanzielle Unterstützung für den Strohgäuladen in Ditzingen durch unsere Kirchengemeinde. Diakonisches Handeln in unserer Gesellschaft. Dass unser eigener finanzieller Spielraum enger wird, damit müssen wir uns auch beschäftigen in den nächsten Jahren – doch das wollen wir nicht resignierend tun.

Den Mut zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben und Probleme gewinnen wir aus der christlichen Hoffnung. Wir vertrauen und rechnen mit dem Wirken Gottes – und möchten viele mit einladen auf den Weg des Glaubens. Gehen wir gemeinsam in die Zukunft und vertrauen den neuen Wegen, auf die uns Gott der Herr stellt.

Wir können Gott für unsere Gemeinde danken und froh in ihr leben.

Amen.