Historie

Carl Immendörfer

Über der Tür zum ersten Kindergarten in Heimerdingen steht die Jahreszahl 1886. Er wurde vom Landwirt und Gemeinderat Carl Immendörfer gebaut und am 1. November 1886 eröffnet. Verantwortlich war Schwester Maria Weiß aus dem Mutterhaus in Großheppach.

Im Oberamt Leonberg gab es vor 1886 nur 4 Kindergärten oder wie man früher sagte "Kleinkinderpflegen". 1846 in Leonberg, 1869 in Münchingen, 1880 in Höfingen und 1881 in Schöckingen.

Verantwortungsbewußte Bürger hatten erkannt, dass viele Kinder zu sehr sich selbst überlassen waren und ihre Erziehung zu wünschen übrig ließ. Die Eltern hatten zuviel Arbeit im Stall und auf dem Feld. Offenbar hat auch der Tod eines Kindes, das in der Wette ( Löschwasserteich / Viehtränke ) an der Weissacherstraße ertrunken ist, die Entwicklung beschleunigt.

Die treibende Kraft bei den jahrelangen Bemühungen um die Einrichtung eines Kindergartens war stets Carl Immendörfer. Er führte 1882 zusammen mit Gemeinderat Christian Schwarz eine Dorf-Kollekte zur Errichtung einer Kleinkinderpflege durch, der Erlös wurde in Leonberg bei der Oberamtssparkasse angelegt. 1886 beschlossen Ortspfarrer Kehl, Schultheiß Stikel, die Gemeinde- und Kirchengemeinderäte Carl Immendörfer, Gottlieb Gommel und Christian Schwarz eine Gesellschaft zur Kleinkinderpflege zu gründen, die den Heimerdinger Kindergarten unterhalten und verwalten sollte.

Das vordringlichste Problem blieb es aber ein Haus für den Kindergarten zu finden. Die Gemeinde war finanziell nicht in der Lage selbst ein Haus für diesen Zweck zu kaufen oder zu bauen. Carl Immendörfer löste auch diese Schwierigkeit.

Zur Hofstelle Immendörfer ( früher Karlstraße ) wurde 1739 an der Hemmingerstraße eine große Scheune hinzugebaut. 1885/86 kaufte Carl Immendörfer einige Quadratmeter Hausgärten direkt hinter dieser Scheune, als Bauplatz für den Kindergarten. Da die Scheune ihm gehörte und an der Südseite eine feste Steinmauer besaß, konnte er das Haus     ( Hemmingerstraße 6 ) ohne eigene Brandwand an die Scheune anbauen.

Der erste Kindergarten in der Hemminger Straße

Zwischen der Gesellschaft und Carl Immendörfer wurde ein Mietvertrag abgeschlossen, in dem sich Immendörfer verpflichtete das ganze Erdgeschoss für die Kleinkinderpflege und Raum für die Schwesternwohnung und den zur Aufbewahrung des Brennholzes nötigen Platz im Dachstock zur Verfügung zu stellen. Und weil ein Kindergarten der nur aus einem Haus besteht, kein richtiger Kindergarten ist, erwarb der Hauseigentümer Immendörfer 1887 noch zwei Gartengrundstücke hinzu.

In welchem Geist hier stets gehandelt wurde, zeigt die Tafel über dem Eingang zum Kindergarten mit dem Bibelzitat: " Lasset die Kindlein zu mir kommen".

Aus der erwähnten Gesellschaft wurde im Jahr 1910 ein ins Vereinsregister eingetragener Kleinkinderpflegeverein. Neben dem Pfarrer und dem Ortsvorsteher gehörten ihm Vertreter des Kirchengemeinderates und des Gemeinderates an. 1911 starb Carl Immendörfer im Alter von 62 Jahren.

 

Bis 1936 gewährte die bürgerliche Gemeinde einen Zuschuss. Es war aber die Zeit der " Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens ", in der man von den Gemeinden die Einrichtung von NSV-Kindergärten erwartete. Gemeinderat Eugen Immendörfer erklärte jedoch, dass er im Sinne der Mitgestaltung des Kindergartens durch seinen Vater, das Haus nur für einen kirchlichen Kindergarten zur Verfügung stellen könne. Er begab sich damit in grundsätzliche Opposition zum Standpunkt der Gemeindeverwaltung und schied deshalb kurze Zeit später aus dem Rat aus. Der Kindergarten wurde nun ganz in die Verwaltung der evangelischen Kirchengemeinde übernommen. Nach Wegfall der Zuschüsse der bürgerlichen Gemeinde wurden bis zum Jahr 1948 die Unterhaltskosten durch Mitgliedsbeiträge, Opfer, Schulgeld, sowie durch Mittel des Oberkrichenrates bestritten. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges blieb das "Kinderschiale", wie man es damals gerne sagte, in kirchlicher Verwaltung. Der Gemeinderat hat aber von 1949 ab dem Kindergarten einen namhaften jährlichen Zuschuss verwilligt und ihm auch sonst allerlei willkommene Unterstützung zuteil werden lassen.

Die erste Kinderschwester Maria Weiß mit 50 Kindern im Jahre 1890

Schwester Rösle mit den Kindern 1948

Die erste Schwester     ( Kleinkinderpflegerin ), die am 1. November 1886 in das neu eingerichtete "Schiale" einzog war Maria Weiß, ihr Dienst dauerte knapp 4 Jahre, im Juli 1890 heiratete sie den Landwirt Christian Schwarz. Die letzte Schwester im "alten " Kinderschiale war Schwester Rösle Wahl, sie war gewissermaßen das Jubiläumsgeschenk zum 50. Geburtstag 1936, der damals jedoch gar nicht gefeiert wurde.

Im erneuerten Kindergarten im September 1956

Man kann sich kaum vorstellen, dass schon um 1900 herum gelegentlich bis zu 80 Kinder im engen Raum der Kinderschule sich tummelten.  Mit der Zeit wurde die Lage unhaltbar, der vorhanden Platz reichte bei weitem nicht mehr aus, zumal nach 1945 die Gemeinde ständig wuchs.


Trotz einer kleinen Erweiterung hätte der Kindergarten nach den strenger gewordenen Bestimmungen in den letzten Jahren nur noch 33 Kinder aufnehmen dürfen. Anlässlich des 70jährigen Jubiläums im Jahre 1956 wurde eine teilweis Erneuerung durchgeführt, bei der die uralten Bänke durch Tische und Stühle ersetzt wurden und ein neuer Boden hereinkam. Der Raum erhielt einen recht wohnlichen Charakter, aber das konnte nur ein Notbehelf sein.

Beim 70jährigen Jubiläum Im September 1956 von links nach rechts: Diakonisse Schwester Ruth Immendörfer, Kinderschwester Rösle Wahl, Diakonisse Schwester Lina Schwab

Trotz Überlegungen mussten viele Kinder abgewiesen werden, der Bau eines neuen Kindergartens war nicht mehr aufzuhalten.

Schon im Jahr 1958 konnte die Gemeinde einen sehr geeigneten, zentral gelegenen Platz an der Neuen Straße erwerben. 1960 fanden Besprechungen zwischen Bürgermeisteramt und Gemeinderat einerseits und Kirchengemeinde, kirchlicher Verwaltungsstelle und Oberkirchenrat andererseits statt.

Das Ergebnis:

Die bürgerliche Gemeinde erstellt einen neuen Kindergarten und überlässt ihn dann der evangelischen Kirchengemeinde zur Verwaltung. Die Kirchengemeinde aber erklärte sich bereit, mit Hilfe der Landeskirche und des Kirchenbezirks durch eigenen Anstrengungen einen namhaften Baubeitrag aufzubringen. Sie verpflichtete sich außerdem, Kinder ohne Unterschied des Bekenntnisses aufzunehmen, wie dies bisher schon der Fall war.

Am 10. März 1964 zogen die Kinder mit Schwester Rösle in den neuen Kindergarten ein und am 2. Mai nahm die vom Mutterhaus entsandte zweite Kinderschwester Frida Schmidt ihren Dienst in Heimerdingen auf.

Der Kindergarten wurde als ebenerdige Anlage gebaut, mit zwei Zugängen von Westen über die Neue Straße und von Osten über die Stiegelgasse. Neben dem Kindergarten befindet sich ein Schwestern-Wohngebäude mit zwei Wohnungen.

Der neue Kindergarten "Neue Straße" mit Schwestern-Wohngebäude

Zugang von Osten

Bei der Einweihungsfeier des Kindergartens im Juli 1964 übergibt Pfarrer Schlack die Schlüssel an Schwester Rösle

Blick vom Gruppenraum in das Spielzimmer 1

Spielzimmer 1

Garderobenhalle mit Haupteingang

Waschraum mit WC-Anlage

Abschiedsfeier von Schwester Rösle im April 1966 im ev. Gemeindehaus

1966 wurde Schwester Rösle in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, ihre Nachfolgerin wurde Frau Thea Schmidt. 1968 wurde im Kindergarten eine dritte Abteilung eröffnet, damit konnten wieder alle Kinder vom dritten Lebensjahr an aufgenommen werden.

Der neue Kindergarten "Wiesenäcker" wird im März 1974 eingeweiht

Die Gemeinde Heimerdingen wuchs in den 50er und 60er Jahren stetig weiter und so wurde ein weitere Kindergarten geplant und gebaut. Die Einweihung des Kindergartens "Wiesenäcker" fand zusammen mit der Einweihung des Erweiterungsbaus der Grundschule im Jahr 1974 statt. Die Führung dieses Kindergartens liegt in den Händen der Stadt Ditzingen. Dieser Kindergarten wurde mit 2 Gruppen begonnen, deshalb wurde im Kindergarten "Neue Straße" die dritte Gruppe vorübergehend geschlossen.

 

Kinder kommen in den Kindergarten "Neue Straße" an Ostern 1974

Pfarrer Mayer verabschiedet Schwester Hildegard

1985 gab es im Kindergarten "Neue Straße" einen großen Abschied. Schwester Hildegard Weiher wurde nach 17-jähriger, segensreicher Tätigkeit in einem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Sie war die letzte Diakonissin aus dem Mutterhaus Großheppach.

 

 

" Wer nicht weiß, was war, der weiß nicht was heute ist und kann sich nicht vorbereiten auf das was kommt". 

Helmut Immendörfer  ( Ortschronist )

 

Quellen:

Heimerdinger Sonderhefte:

~ 1. " Kindergarten Heimerdingen" Herausgeber Gemeindeverwaltung, Heimerdingen 1964

~ 9. "100 Jahre Kindergarten Heimerdingen 1886-1986" Herausgeber Helmut Immendörfer, Heimerdingen 1986